Iranische Models, islamische Burka-Trägerinnen / Noushin Ahmadi Khorassani - The Feminist School
     
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Iranische Models, islamische Burka-Trägerinnen / Noushin Ahmadi Khorassani

Translate by: Mercede Salehpour

Dienstag 21. Februar 2012

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Feminist school: Ende der 60er Jahre als in den Schulen immer mehr Tschadors [1] getragen wurden, fragte ein Reporter Farrokhroo Parsa [2] in einem Interview, warum die Regierung in Bezug auf die Tschador-Frage nicht eingreife. Da warnte Sie klar und deutlich: „Sie wollen wohl, dass die Regierung wieder Druck ausübt. Dabei sind diese Art von sozialen Fragen mit Druck der Regierung nicht zu lösen. Diese Fragen benötigen eher die Arbeit der Medien. Druck von unserer Seite in der Schule kann die Denkweise der Schülerinnen nicht ändern und sie auch nicht zu neuen Gewohnheiten führen“. (Pirnia, 2007) [3]

Es ist nicht die Aufgabe der Regierung, auf komplizierte kulturelle und soziale Phänomene und Prozesse zukunftsgerichtete und fundierte Reaktionen zu zeigen, sondern – wie Farrokhroo Parsa richtig bekräftigt – gehört dies zu den Aufgaben der Zivilgesellschaft. Denn diverse praktische Erfahrungen in verschiedenen Gesellschaften haben wiederholt Folgendes gezeigt: Wenn Regierungen die Aufgaben der Zivilgesellschaft übernehmen, kann diese Verschiebung der Zuständigkeiten eine Entwicklung als Folge haben, die gegen das Bestehen der Zivilgesellschaft fungiert.

Ich habe mit diesem Zitat von Farrokhroo Parsa über die Rolle der Zivilgesellschaft und den Medien bei der Lösung kultureller Probleme begonnen, weil ich zunächst mit Hilfe unserer historischen Erfahrungen„ die Gefahr einer Einmischung der Regierung in die Frage der Kleiderordnung der Frauen“ erklären möchte. Dann werde ich versuchen, das „ Burka-Verbot-Gesetz“ in Frankreich zu erörtern und im Hinblick darauf einen Ausblick auf die Zukunft dieser Art von Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft zu präsentieren. Heute ist das Thema Kleiderordnung der Frauen und der „Hidschab“ [4] (und nicht gezwungenermaßen die Burka) im Iran, in den islamischen Ländern - und sogar Weltweit - zu einer komplizierten Herausforderung – mit einem politischen Anschlag – geworden. IranerInnen, die die Politik der französischen Regierung in Bezug auf das Burka-Verbot-Gesetz verteidigen, haben verschiedene Argumente vorgetragen. Ich werde versuchen, diese Argumente darzulegen. Bevor ich mit dem Thema beginne, möchte ich erwähnen und betonen, dass das Hauptthema dieses Aufsatzes die „Methode“ und die „Vorgehensweise“ bei der Konfrontation mit sozialen Phänomenen - wie zum Beispiel dem Hidschab und der Kleiderordnung der Frauen (Kopftuch, Burka, Tschador, Niqab und Schleier) - ist. Dieses Thema hat in Europa über die Beurteilung einer Art „Symbol und Frauenkörperbedeckung“ hinaus politische und sicherheitsrelevante Dimensionen bekommen, so dass die Regierung autoritär eingegriffen hat. Daher habe ich mich zum Teil mit Themen am Rande des Burka-Verbot-Gesetzes in Frankreich beschäftigt. Die französische Regierung hat sich in die Frage der Körperbedeckung der Frauen und die von der moslemischen Minderheit verwendeten Symbole eingemischt. Einige in Europa ansässige iranische Intellektuelle haben diese Vorgehensweise unterstützt. All dies ist Grund genug, um unter den AktivistInnen der Frauenbewegung die Diskussion über das wichtige und sensible Thema „der Hidschab der Frauen und die Methode, dagegen vorzugehen“ aufzuwerfen.

Die Methode, gegen ein „Protestsymbol“ vorzugehen

Ein Teil der in Europa lebenden – moslemischen und säkularen - iranischen Intellektuelle argumentieren mit Recht, dass die „Burka“ in Europa immer mehr zu einem „Symbol des Protests“ wird. Andere sind der Meinung, je mehr gesetzliche Einschränkung – beginnend mit dem Gesetz der laizistischen Regierung in Frankreich - auf dieses Symbol auferlegt werden, desto mehr politisiert wird es. [5] Einige Menschenrechtsorganisationen wie „Amnesty International“ haben dieses Gesetz verurteilt. Die herausforderungsreiche Entwicklung der letzten Dekade zeigt klar und deutlich, dass die Verbreitung der „Burka“ in Frankreich und die darauf folgende Reaktion hauptsächlich damit zu begründen ist, dass die „Burka“ eine Art Protest der Randgruppen der Gesellschaft darstellt, die das Gefühl haben, unter Unterdrückung, Ungleichheit und Identitätsverlust zu leiden. Dass die laizistische Regierung in Frankreich gegen „Burka-Trägerinnen“ so autoritär vorgeht, zeigt vor allem die unbestreitbare Tatsache, dass sich diese symbolische Körperbedeckung in Europa als „Protestsymbol der moslemischen Minderheit“ weiterentwickelt.

Auch wenn Teile der „Burka-Trägerinnen“ am Anfang aus „Überzeugung und persönlichen Emotionen und Glauben“ oder unter Zwang ihrer „Ehemänner bzw. Männer der Familie“ die Burka trugen, ist diese Körperbedeckung heute in einigen Teilen des Westen über die persönlichen Überzeugungen der Frauen hinaus zu einem Protestsymbol und zu einer Identität geworden (wäre die Burka nicht zu einem Protestsymbol geworden, würde die Burka möglicherweise mit der Zeit aus den Gastgebergesellschaften verschwinden). Nun geht es nicht um das Wesen dieser Symbole (die genau wie die Burka frauenfeindlich sind), sondern um die Art und Weise wie sich die Regierungen mit diesen Protestsymbolen auseinandersetzen.

Was eine demokratische Gesellschaft von einer nicht demokratischen Gesellschaft unterscheidet und die demokratische Gesellschaft hervorhebt, ist generell wie folgt zu erklären: In demokratischen Gesellschaften versuchen Institutionen der Zivilgesellschaft, die Aufmerksamkeit des Staates und der Öffentlichkeit auf die Wurzeln und die verborgenen Gründe der Entstehung dieser Protestsymbole zu lenken. Sie versuchen, dafür grundlegende Lösungen zu finden (soziale und kulturelle Maßnahmen), damit diese Protestsymbole mit der Zeit ihre Protestfunktion verlieren und abgeschafft werden. Denn in jeder Gesellschaft gibt es Gruppen, die mit Recht oder grundlos das Gefühl haben, unterdrückt und ungerecht behandelt zu werden. Sie wählen aus ihrer ursprünglichen Kultur Symbole aus, um ihren Protest zu zeigen. In undemokratischen Gesellschaften mischt sich der Staat prompt als Schlichter aller Auseinandersetzungen ein, setzt die Hebel seiner Autorität (das Gesetz und die legitime Gewalt) an und versucht diese Symbole abzuschaffen. Leider entwickelt sich – insbesondere in moslemischen Ländern - die Körperbedeckung der Frauen und die dazugehörigen Randthemen oft zu den problematischen und herausfordernden Symbolen und stehen zwischen der Regierung und der Gesellschaft. Dies ist nicht beschränkt auf Iran und die Zeit nach der Revolution. Ein Blick auf die Geschichte unseres Landes in der Zeit vor der Revolution zeigt, dass das Thema Körperbedeckung der Frauen immer ein Hauch von einem symbolischen und politischen Protest hatte und immer für den Machtkampf benutzt worden ist.

In unserem Land wurden der Tschador und der Hidschab ab 1965 schrittweise zu einem Symbol des Protests für die Gruppen, die gegen die Monarchie kämpften und an die Macht kommen wollten. Die zweite Ministerin im Iran Mahnaz Afkhami bestätigte dies, bezeichnete den Hidschab als ein Symbol des Protests gegen das Schah-Regime und sagte: „Vor der Revolution hatten bestimmte Gruppen angefangen, den Hidschab zu tragen… Dies war für sie ein Mittel und ein Protestsymbol. Iran hatte große Fortschritte in Bezug auf die Frauenrechte gemacht, die sowohl im Iran als auch international hoch angesehen waren. Entsprechend stellte sich die Opposition symbolisch gegen diese Fortschritte der Frauen, um das Regime zum Sturz zu bringen. Zusätzlich zu den streng religiösen Gruppen, die tatsächlich gegen diesen Fortschritt waren, eigneten sich islamische Marxisten dieses Symbol an und nutzten islamische Formen und Merkmale für ihre Ziele. Dies war für sie ein Mittel zum Zweck der politischen Propaganda. Ihnen war egal, dass ihre Mitglieder – junge Frauen und Männer – zusammen lebten und sich körperlich und seelisch näher kamen und dadurch gegen alle Normen des traditionellen Islam stießen. Den Tschador haben sie jedoch als Mittel zum Protest benutzt“ (Afkhami, Gholamreza: Interview mit Mahnaz Afkhami).

In ihrem Buch Madam Minister, die Biografie von Farrokhroo Parsa, bestätigt Mansoureh Prinia den zügigen Prozess der Verschleierung der Frauen als Protest gegen die Monarchie und verschiedene Methoden gegen diesen Prozess: „Frau Ministerin Farrokhroo Parsa hat die Bekämpfung des Tschadors auf die Tagesordnung gesetzt. Sie ist für die fortschrittliche Parole – Weder Tschador noch Minirock – und kündigt offiziell an, dass Schülerinnen in der Schule keine andere Bekleidung als die Schuluniform - weder Minirock noch Tschador - tragen dürfen. Sollten Schülerinnen in der Schule kürze Röcke oder Tschador tragen, oder extrem modisch gekleidet sein, werde die Schuldirektorin gegenüber dem Bildungsministerium verantwortlich gemacht. Pirnia schreibt weiter: „35 Jahre nach der Entschleierung der Frauen waren der Hidschab, der Tschador und die Schleier wieder da. Dies war eine bittere Realität, die wir umso mehr bedauerten, als wir erfuhren, dass tausende Schülerinnen der Oberschulen und sogar der Grundschulen auf dem Weg in die Schule Tschador trugen“. An einer anderen Stelle schreibt die Autorin von Madam Minister: „Es gab Schulen, in denen vor einigen Jahren nicht einmal eine Schülerin den Tschador getragen hatte. In der Mitte der Amtszeit von Ministerin Farrokhru Parsa trugen über die Hälfte der Schülerinnen den Tschador… Man versuchte den Tschador als ein Symbol des Protests in der Gesellschaft zu verbreiten“. Aber in diesem Buch wird ebenfalls beschrieben, dass Ministerin Farrokhroo Parsa in einem Runderlass an alle Schulen den Tschador in der Schule verboten hatte, obwohl sie der Meinung war, dass die Verbreitung des Tschadors mit „Druck der Regierung“ nicht lösbar sei.

Mahnaz Afkhami betrachtet diesen Runderlass als das Ergebnis des Drucks, der von den Frauengruppen auf die Ministerin ausgeübt worden war. Sie schreibt; „Eine beachtliche Zahl der Mitglieder der Frauenorganisation waren Lehrerinnen. Sie sagten uns, sie wollten schon frei und ohne Tschador in die Schule gehen, aber die Familie und ihre Umgebung erlaube es ihnen nicht, diese Entscheidung zu treffen. Ein Erlass des Erziehungsministeriums, der den Tschador in der Schule verbietet, würde ihnen diese Entscheidung ermöglichen. Dies haben wir der Ministerin Parsa vorgetragen. Es klang auch plausibel, denn der Arbeitgeber kann über die Arbeitskleider bestimmen und dagegen wäre nicht viel einzuwenden. Diese Entscheidung betraf ja nicht das Privatleben der Menschen, sondern lediglich den Arbeitsplatz… Ministerin Parsa stimmte zu und so wurde der Erlass an alle Schulen geschickt. Später wurde das Todesurteil gegen sie unter anderem mit dieser Entscheidung begründet“.

Es scheint so, als gebe es gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Ziel dieses Erlasses „weder kurzen Rock noch Tschador“ (nur in der Schule und nicht auf anderen Ebenen der Gesellschaft) mit dem Ziel des „Burka-Verbot-Gesetzes“ in Frankreich (auch wenn die laizistische Regierung in Frankreich verboten hat, auf den Straßen die Burka zu tragen). Mich beschäftigt nicht die Frage, was das Wesen des Hidschabs zu der damaligen Zeit im Iran bzw. das Wesen der Burka heute in Frankreich ist. Vielmehr will ich betonen, dass die Einmischung der Regierung in Form eines Gesetzes als eine Reaktion auf dieses Phänomen weder in der Schah-Zeit den Tschador abgeschafft hat (sondern als ein Protestsymbol befestigt hat), noch wird heute das Burka-Verbot-Gesetz die Burka abschaffen können (vermutlich wird das Gesetz sie als Protestsymbol eher stärken). Statt dessen sollte vermutlich die Zivilgesellschaft derartige Phänomene kulturell kritisieren und unter die Lupe nehmen. In der Zeit der Monarchie haben wir eine derartige Reaktion der Gesellschaft nicht erlebt. Vielmehr hat die Gesellschaft die „Entschleierung der Frauen“ als ein „Staatssymbol“ betrachtet. Dem entsprechend wurde der Tschador in großen Teilen der Gesellschaft problemlos als eine Art Widerspruch gegen dieses Staatssymbol akzeptiert und so wurde der Tschador zu einem Symbol des Widerspruchs und des Protests. Bereits seit 1965 hatten die kulturellen Funktionsträger der Regierung sowie die Elite des Landes tatsächlich den Eindruck, dass der Tschador als ein Protestsymbol immer mehr verbreitet wird. Mit der Zeit und je weiter der Tschador verbreitet wurde, wählten nicht nur die islamischen Gruppen dieses Symbol, sondern selbst einige linke und marxistische Gruppen waren nicht gegen den Tschador. So solidarisierten sie mit der Interpretation, der Tschador sei ein Symbol des Protests gegen die Schah-Regierung. Mehrangiz Dolatshahi, die erste Botschafterin in der Geschichte Irans und eine der ersten weiblichen Abgeordnete im Parlament, bestätigte diesen Ansatz und sagte: „… Als erste haben sie den Tschador unterstützt. Am Schluss sah man selbst auf der Shahreza Straße und Takhte Dschamshid Straße Tschador und Schleier! Dagegen leisteten wir etwas Widerstand, auf der anderen Seite wurde jedoch sehr viel Propaganda für den Tschador gemacht… Viele Familien ließen sich von dieser Propaganda beeinflussen. Die Propaganda in den siebziger Jahren war gut durchdacht…. Es waren die Mudschahedin, die Fedaian-e Eslam usw.“. (Interview mit Mehrangiz Dolatshahi: Editor Gholamreza Afkhami).

Bisweilen benutzten die revolutionären linken Gruppen ebenfalls dieses Symbol politisch, auch wenn viele von ihnen den Tschador nur als Tarnung benutzt haben wollen. Nach der Revolution (1979) als der Hidschab als Pflicht eingeführt wurde, hatten die revolutionären politischen Gruppen kein legitimes Argument gegen diesen Zwang. Denn das Thema „Hidschab“ war – entgegen der Propaganda der emotionalen Feministinnen der heutigen Zeit- kein neues Thema und war nicht erst nach der Revolution aktuell geworden. Wie oben von Vertreterinnen der ersten Generation der iranischen Feministinnen zitiert worden ist, hatte sich der Hidschab mindestens eine Dekade vor der Revolution als ein Protestsymbol verbreitet (sprich Körperbedeckung der Frauen wurde politisch benutzt). Vielleicht ist dies der Grund, warum heute einige linke Feministinnen jede Art von Hidschab (selbst als persönliche Wahl) so extrem und volle Emotionen und Vorurteile ablehnen und sie verteufeln. Vielleicht haben sie nach der Revolution, als der Hidschab Pflicht wurde, von einem Extrem zum anderen die Seite gewechselt, weil sie sich schämten. Vielleicht schämten sie sich, weil sie vor der Revolution eine Dekade lang geschwiegen und zugelassen haben, dass der Hidschab als Protestsymbol und politisch gegen den Staat, den man stürzen wollte, genutzt wird. Vielleicht können sie mit dem Thema „Hidschab“ nicht mehr logisch und vernünftig umgehen.

Das verdeckte Schamgefühl und die Übertreibung beim Kampf gegen den Hidschab

Vielleicht ist es dieses Schamgefühl, das einige der damaligen „Revolutionären Frauen“ (die heute Feministinnen sind) dazu zwingt, übertrieben und enthusiastisch über die Demonstrationen einiger Frauengruppen gegen den Hidschab-Zwang in den ersten Jahren nach der Revolution zu berichten. Um die Vergangenheit wiedergutzumachen, erklären sie diese Demonstration zu einer wichtigen und entscheidenden Identität, die ihre neue Identität repräsentiert (Gleichzeitig stellt das Thema „Abschaffung des Familiengesetzes nach der Revolution“ und die Proteste gegen diese Abschaffung für diese Frauen keine „Identität“ und keine „Ehre“ dar). Als wollten sie mit jedem Mittel und zwecks jedes Vorwands beweisen, dass sie schon immer gegen den Hidschab waren. Allerdings hat die Geschichte der zwei Dekaden vor der Revolution deutlich gezeigt, dass sie als Mitglieder ihrer revolutionären politischen Gruppen nicht in der Lage waren, mit dem Thema „Hidschab als ein wachsendes politisiertes Protestsymbol“ unabhängig und rational umzugehen. Sie befolgten und unterstützten dieses politisierte Protestsymbol und halfen damit dem Hidschab-Zwang im Iran. Wenige Demonstrationen (und dies nach der Revolution) können vermutlich keine Rechtfertigung für Ihr Schweigen und Nachahmen in einem Zeitraum von zwei Dekaden sein.

Wegen dieser Vergangenheit scheint es so, als könnten einige dieser revolutionären Frauen, die die Erfahrung der Revolution und die 20 jährige Anti-Shah-Bewegung hinter sich haben, mit dem Thema „Hidschab“ nicht mehr rational und weitsichtig - und frei von Gewissensbissen - umgehen (auch dann nicht, wenn sie es wollten). Ein Beweis für ihr schlechtes Gewissen ist ihre übertriebene Reaktion gegenüber Bekleidungen, die im Iran als „Model Look“ bezeichnet wird. Heute versteht man im Iran „Model-Look“ als ein Teil des politischen Protests. Übertriebene Überschriften wie „Lippenstift Revolution!“; die enthusiastische Begeisterung für stark geschminkte Frauen; die Freude und die große Aufregung, weil die Mäntel der Frauen ein Zentimeter kürzer geworden sind; die übertriebene Wertschätzung der modischen Bekleidung als eine Handlung gegen das Regime, und …. zeigen, dass ideologisch geprägte Intellektuelle im Kampf gegen die islamische Republik - wie seiner Zeit gegen das Schah-Regime – ein exzessives Symbol theorisiert haben, das leider auch dieses Mal mit der Körperbedeckung der Frauen zu tun hat. Wir sehen erneut, dass Frauenkörperbedeckung – dieses Mal allerdings das Gegenteil von dem Tschador –als „Protestsymbol“ repräsentiert wird.

Vielleicht rechtfertigen deshalb iranische Feministinnen (insbesondere diejenige, die vor der Revolution politisch aktiv waren und immer noch fanatisch und ideologisch denken) das Burka-Verbot-Gesetz auf so einer irrationaler Art und Weise. Wir Feministinnen hingegen, die nach der Revolution geboren sind, haben immer noch keine Antwort auf viele dringende Fragen über den Hidschab und seine Verbindung zur Volksbewegungen gefunden. Unter anderem zur folgender Frage: Ist es legitim, die Körperbedeckung der Frauen als ein politisches Protestmittel und als das wichtigste Symbol für den Kampf gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung zu nutzen? Wenn ja, dann darf es kein Problem darstellen, wenn die moslemische Minderheit in Europa die Burka trägt, um gegen die vorhandene Gesellschaftsordnung zu protestieren, die sie als ungerecht empfinden. Aber wenn es nicht legitim ist, dann dürfen Feministinnen genau so wenig das Model-Outfit als Protestsymbol nutzen, das vermutlich auch nicht das optimale Outfit ist, zumindest weil es mit geschlechtlichen Klischees überladen ist.

Ich will damit sagen, dass wir mit Themen und Problemen meistens emotional (und bisweilen atheistisch) umgehen weil wir in unserem Land mit einer religiösen Regierung konfrontiert sind. Wenn wir das Thema Körperbedeckung der Frauen ein für alle Mal aus dem Kreislauf der politischen Auseinandersetzungen herausnehmen wollen, dann müssen wir eines Tages mit dem Teufelskreis „Hidschab-Verbot – Hidschab-Zwang – dann vermutlich wieder Hidschab-Verbot usw.“ brechen und die Körperbedeckung und die Bekleidung der Frauen von den politischen Querelen befreien. Dieses Ziel erreichen wir mit Sicherheit nicht, wenn wir gesetzliche Verbote für unterschiedlich denkende Gruppen unterstützen, sondern der richtige Weg wäre, kontinuierlich kulturelle Arbeit zu leisten und öffentlich zu diskutieren. Vielleicht ist die Zeit gekommen, „die schmerzhaften geschichtlichen Erinnerungen“ und „die übertriebenen und emotionalen Reaktionen“ beiseite zu legen und öffentlich über das Thema „Körperbedeckung der Frauen“ zu sprechen und nicht die eine oder andere Regierung bei ihrer Einmischung in die Frage der Körperbedeckung der Frauen zu unterstützen. Daher glaube ich, dass eine Diskussion über das Burka-Verbot-Gesetz ein guter Anfang für die Wiederaufnahme der Diskussion ist, weil der Abstand zu uns Iranerinnen und unserer kulturellen Geographie groß genug ist. Allerdings muss diese Diskussion sachlich und ohne „Parolen“ geführt werden.

Iranische Feministinnen und die gute/schlechte Wahl für Frauen

Das Burka-Verbot-Gesetz in Frankreich wird unter anderem mit der Begründung gerechtfertigt, dass es Frauen unterstütze. [6] So stellen einige in Europa lebende Frauen das Recht der Frauen auf die freie Wahl ihrer Bekleidung in Frage, um zu rechtfertigen, warum sie das Burka-Verbot-Gesetz unterstützen. Sie stellen dieses Recht in den Schatten einer positiv/negativen Werteordnung, geben ihm eine ideologische Identität und schaffen somit die Dichotomie der „guten Wahl/schlechten Wahl“. Diese Gruppe der Feministinnenn sind der Meinung, der Hidschab und ähnliche Bekleidungen und Symbole seien nicht legitim (auch dann nicht, wenn Frauen sie selbst gewählt haben), weil sie den Frauen die Selbstbestimmung nehmen. Diese Feministinnen stellen somit ihre „Wahl“ als Feministinnen höher als die „Wahl der anderen Frauen“. Daher geben sie sich und den Regierungen das Recht, gegen die „schlechte Wahl“ anderer Frauen sogar mit gesetzlichen Strafen vorzugehen. Eine iranische Feministin sagt in diesem Zusammenhang: „Es ist nicht alles gut für Frauen, nur weil Frauen dies machen… So wird die Kategorie „wählen“ heiliggesprochen und zu einem Mythos gemacht. In unserer von Individualismus geprägten Gesellschaft wird zwar auf den freien Willen viel Wert gelegt, sie wird jedoch oft auf das „wählen“ reduziert. Wenn wir im Supermarkt einkaufen und unseren Einkaufswagen mit Produkten verschiedener Marken füllen, haben wir eine freie Wahl getroffen, aber in welchem Zusammenhang steht dieses Recht auf freie Wahl mit Selbstbestimmung? Ja, die Burka ist eine Wahl! Eine junge Frau, die Burka trägt und in einer Fernsehsendung sagt, sie sei zum Islam konvertiert, ist – wie ein Drittel aller Burka tragenden Frauen in Frankreich – eine zum Islam konvertierte Französin. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Wahl eine klar denkende und für die Gesellschaft nützliche Entscheidung ist (Islamischer Feminismus, eine Erfindung des Westen, Gespräch der Zeitschrift Charlie Hebdo mit Shahla Shafigh [7])“. Schon möglich, dass dieses Argument über die „Wahl“ und den „freien Willen“ theoretisch richtig ist. Wenn dieses Argument jedoch ein Gesetz rechtfertigen will, das Frauen bestraft, die eine „schlechte Wahl“ getroffen haben, dann betritt dieses Argument über die Funktion eines „Urteils“ oder einer „Theorie“ hinaus den Bereich der Politik und Machtbalance. Derartige Argumente zugunsten des Burka-Verbot-Gesetzes erinnern einen automatisch an ähnliche Argumente in unserem Land, wo der Hidschab als die „beste Körperbedeckung“ gepriesen wird. Mit diesem ideologischen Wertesystem hat man ein Gesetz erlassen und den Hidschab für alle Frauen zum Vorschrift gemacht. Sollten Verteidiger des Hidschab-Zwang-Gesetzes mit uns Frauenrechtlerinnen – die gegen den Bekleidungszwang sind – diskutieren, würden sie vermutlich argumentieren, dass wir noch nicht die „Selbstbestimmung“ inne haben, die die Herrschaften im Sinne haben und in der Natur und im Wesen einer verschleierte Frau sein muss. Daher erlauben sie sich ebenfalls, für unsere Körperbedeckung Gesetze zu erlassen und uns im Falle von nicht Beachtung dieser Gesetze zu bestrafen.

Wo führte es uns hin, wenn wir Frauenrechtlerinnen ebenfalls diesen Weg gingen? Wenn wir nicht versuchen würden, Kapazitäten zu bilden und die Wahlmöglichkeiten der BürgerInnen zu erweitern, sondern wenn wir wie ein Gott über die „Wahl“ der Frauen urteilten und diese Urteile und unsere ideologischen Wertschätzungen zu Gesetzen machten und Strafvollzieher heranziehen würden? Wie weit würden wir gehen? Welche Grenze ist für diese Wertschätzungen zu ziehen? Wenn wir iranische Feministinnen die Wahl der moslemischen Französinnen für eine „schlechte Wahl“ halten, und als Folge dessen ein Gesetz verteidigen, das sie wegen ihrer schlechten Wahl bestraft, dann müssen wir alle „Rechte“, die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft zugesprochen worden ist, unter die Lupe nehmen. Dann müssen wir jede Wahl bewerten und dafür sein, dass jeder Mensch bestraft wird, der keine „gute“ Wahl getroffen hat. Vielleicht sollte man die Verfechter dieser Ansicht fragen, warum eine Feministin das Recht auf Religionsfreiheit – beispielsweise die Rechte der SunnitInnen, ZoroastrierInnen, ChristInnen, JüdInnen usw. - verteidigen sollte. Verteidigen Feministinnen das Recht, Zoroastrierin oder Bahai oder Christin zu sein, weil sie diese Wahl für eine „extrem gute“, „selbstbestimmte“ und nützliche Wahl halten und will sie deshalb nicht für diese Wahl bestrafen? Grundsätzlich muss gefragt werden, ob eine Feministin erst die „Wahl“ bewerten und sicherstellen muss, dass die Entscheidung gut und selbstbestimmt ist, bevor sie das Recht der Frauen oder jede andere gesellschaftliche Gruppe auf eine freie Wahl verteidigt?

Wenn wir die Denkweise dieser Gruppe der Feministinnen und ihren Umgang mit der Frage der Körperbedeckung der Frauen in der Öffentlichkeit aneignen sollten, dann müssten wir die Bestrafung der Frauen im Iran unterstützen, die sich als Reaktion auf das Hidschab-Verbot-Gesetz übertrieben schminken (und offensichtlich die Garderobe der Models in Anspruch nehmen). Denn es scheint so, als wäre auch die Wahl dieser Frauen von dem Maßstab der Frau Shafigh für die Selbstbestimmung weit entfernt. Feministinnen, die das Burka-Verbot-Gesetz verteidigen, halten Frauen, die Hidschab und Burka tragen, für Ornamente für religiöse Männer. Dies mag sogar stimmen, müssen sie aber deswegen bestraft werden und muss die Regierung und das Gesetz über sie bestimmen? Kann man auf der anderen Seite nicht Frauen, die in Teheran mit Model-Look auf die Straße kommen, nicht ebenfalls als Ornamente der modernen Männer betrachten? Haben nicht auch sie eine Wahl getroffen, die gegen Selbstbestimmung ist? Muss man an der Stelle von kulturellen Arbeit wollen, dass dieses Phänomene gesetzlich bestraft wird?

Selbstverständlich ist als Reaktion auf derartige Ansätze eine breit gefächerte Diskussion notwendig, von einem Gesetz und einer Strafe kann aber natürlich nicht die Rede sein.

Die zivilgesellschaftliche Frauenbewegung kann fordern, dass das Gesetz Frauen unterstützt, die von ihren Männern gezwungen werden, die Burka oder eine andere Art von Bekleidung zu tragen. Dies würde das Recht der freien Wahl der Frauen stärken. Wenn jedoch die Frauenbewegung fordert, dass die Regierung und das Gesetz eine Frau bestraft, die im Fernsehen ausdrücklich sagt, dass sie selbst ihre Bekleidung und den Hidschab (sogar die Burka) gewählt hat, dann ist diese zivilgesellschaftlich Frauenbewegung zu einer ideologischen Bewegung geworden.

Der Unterschied zwischen zivilgesellschaftlichen und ideologischen Bewegungen

Vielleicht liegt der Unterschied zwischen einer ideologischen und einer zivilgesellschaftlichen Bewegung daran, dass sich ideologische Bewegungen meistens am Horizont ihrer Arbeit und ihrer Wünsche eine Utopie und das Erschaffen von Mustermenschen vor Augen haben. Ihr Ziel ist, an die Macht zu kommen, oder den Staat zu zwingen, mit dem Instrument „Macht und Gesetz“ ideale Menschen zu produzieren. Zivilgesellschaftliche Frauenbewegungen hingegen haben konkrete Forderungen und kein anderes Programm als die Erweiterung , des „Rechtes auf freie Wahl“ für ihre gesellschaftliche Zielgruppe.

Wenn wir mit Hilfe von „feministischer Wertschätzung“ ein Gesetz zur Einschränkung der Wahlmöglichkeiten der Frauen fordern, um zum Beispiel eine Art „feministisch geeigneter und selbstbestimmter Körperbedeckung„ einzuführen, dann haben wir gerade dem Despotismus geholfen. Die Mehrzahl der ideologischen Bewegungen und Parteien, die sich in „Diktaturen“ verwandelt haben, hatten eine „Utopie“ in Sicht, um „ideale Menschen“ zu reproduzieren. Es macht auch keinen großen Unterschied, ob dieser idealer Mensch, ein „idealer Kommunist“, ein „Gottesfürchtiger und Linientreuer Gläubiger „ oder eine „selbstbestimmte Feministin“ ist. Es geht vielmehr um Folgendes: Wenn eine Bewegung das Ziel hat, „utopische Menschen“ zu produzieren und die Menschen durch „Machtübernahme“ oder „Lobbyarbeit und Unterdrucksetzung der Regierung“ (und durch entsprechende Gesetze und Strafen) zu formen und „ideale Menschen“ oder „ideale Feministinnen“ zu produzieren, dann wird das Resultat eine Katastrophe für die Gesellschaft und die zukünftigen Generationen sein.

Allerdings ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine idealistische Feministin derartige ideologische und erkenntnistheoretisch-fundamentalistische Wünsche hat am Ziel einen idealen Menschen (in diesem Fall eine ideale Feministin) sieht und im privaten Bereich aber auch in der Öffentlichkeit dafür wirbt und sich dafür einsetzt. Diese Diskussionen fördern im Gegenteil in einer Zivilgesellschaft das Recht der freien Wahl der Frauen. Sollte aber dieses Ziel (die Bevorzugung einer Wahl und die Herstellung einer idealen Feministin) verallgemeinert werden und zu den praktischen Forderungen der Frauenbewegung gehören, dann besteht die Gefahr, dass die gesamte Frauenbewegung ideologisiert wird.

„Kampagne gegen den Hidschab“, eine ideologische und keine zivilgesellschaftliche Aktion!

Der friedliche Charakter einer sozialen Bewegung besteht nur nicht nur darin, dass sie „nicht bewaffnet“ ist. Die Erfahrung hat gezeigt, dass zivilgesellschaftliche Bewegungen, die konkrete Forderungen haben und sich in eine ideologische Bewegung umgewandelt haben, oft einen gewaltsamen Diskurs verbreiten und dadurch nicht den Weg zu einer „Koexistenz“ ebnen, sondern sie gehen den Weg der „Konfrontation mit anderen Sichtweisen“ und tragen damit zur Polarisierung der Gesellschaft bei. Ein Beispiel dafür kann man Iranerinnen erwähnen, die für diesen ideologischen und erkenntnistheoretischen fundamentalistischen Diskurs sind. Sie haben die „Wahl der Kleidung“ in „gut und schlecht“ geteilt und die Einmischung der Regierung zur Bestrafung der „Wählerinnen der schlechten Wahl“ (Wie bei dem Burka-Verbot in Frankreich) gefordert. In der virtuellen Welt haben sie eine „Kampagne gegen den Hidschab“ [8] organisiert, die sich – dem Namen nach – nicht für das Recht der iranischen Frauen auf die freie Wahl ihrer Kleidung einsetzt. Sie ist vielmehr ein Projekt, das die Bekämpfung einer bestimmten Art von Körperbedeckung (Hidschab) zu den Zielen der Frauenbewegung hinzufügen will. Mit anderen Worten ist das Ziel dieser Kampagne die „Abschaffung“ einer Bekleidungsart und nicht die Erweiterung des Rechtes der Frauen auf die Wahl ihrer Bekleidung. Mit diesem Diskurs des Abschaffens, der auf „den Hidschab“ (der Hidschab ist eine der vielen Wahlmöglichkeiten der religiösen Frauen, armen Frauen, Nomadenfrauen usw.) zielt, verletzten sie ungewollt die Privatsphäre einiger iranische Frauen, die bewusst und „nach freier Wahl“ diese Bekleidung gewählt haben. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen und erklären, dass die unterschiedlichen Formen des Hidschabs nicht nur für religiöse Frauen, sondern für einen Teil der Frauen, die am Rande der großen Städten leben, eher eine „Armutsbekleidung“ ist (sie verbergen ihre abgenutzten und ärmlichen Kleider unter einem Tuch bzw. einem Tschador ). Für Nomadenfrauen ist ihr Hidschab eine Volkstracht und ihre indigene Körperbekleidung. Für Frauen, die in der Wüste leben, ist der Hidschab eine Wahl, mit der sie sich vor den harten klimatischen Bedingungen ihrer Heimat schützen.

Mit diesen Beispielen versuche ich aufzuzeigen, dass leider die Mitglieder der „Kampagne gegen den Hidschab“ eine bestimmt Art von Bekleidung bekämpfen. Statt dessen sollten sie das Hidschab-Zwang-Gesetz kritisieren, dessen Grundlage darauf basiert ist, dass wir Frauen alle Symbole der Sünde sind und daher nicht gesehen werden dürfen.

Die praktischen Folgen dieser ideologischen Bewegungen und Aktionen sind – auch wenn in umgekehrter Richtung - nicht anders als die praktischen Folgen der „religiös ideologischen Bewegung“, die in ein Hidschab-Zwang-Gesetz endete. In den letzten Wochen kam es in den Nachrichten, dass einige Frauen in Teheran gegen die „nicht Beachtung des Hidschab-Zwangs“ demonstrieren wollen. Das Ziel dieser Aktion ist ebenfalls die Bekämpfung und Beseitigung einer Art Körperbedeckung. Denn auch sie denken, dass Frauen, die anders denken als sie, eine schlechte und ungeeignete Wahl getroffen haben und dadurch ihren Hidschab gar nicht oder mehr schlecht als Recht tragen. Die Vermutung liegt nahe, dass auch sie die „Glückseligkeit“ der Frauen lediglich in dem sehen, woran sie glauben. Damit will ich sagen, dass diese Frauen das gleiche Ziel haben wie die Gruppe „Kampagne gegen den Hidschab“. Beide wollen eine bestimmte Art von „Körperbedeckung“ abschaffen, die sie für eine „schlechte Wahl“ halten.

Diese zwei vermeintlich so gegensätzlichen Gruppen tragen beide zu einer weiteren Polarisierung der Gesellschaft bei. Bekanntlich hat eine Polarisierung ohne Zweifel gewaltsame Folgen: Wenn die Anerkennung des Rechtes aller Menschen auf ein „friedliches Zusammenleben“ durch die Abschaffung „des Anderen“ ersetzt wird, ist das Resultat Gewalt. Dann wird Dualismus herrschen und alles schwarz-oder-weiß gesehen und dies hindert automatisch die Integration der Gesellschaft.

Ideologische Bewegungen in Konflikt mit der Integration und der Säkularisierung der Gesellschaft

Die Mehrzahl der Theoretiker, die für die Säkularisierung und Demokratisierung der Gesellschaft sind, sind sich einig, dass die Integration und das Zusammenwirken verschiedener Gruppen und Denkweisen für die grundlegende Beseitigung der Diskriminierung wichtig sind. Als Beispiel hat Mohammadreza Nikfar in seinem neusten Essay das Thema „Säkularisierung“ mit einer klaren Perspektive und einem breiten Horizont dargelegt. Er schreibt: „Säkularisierung ist die Voraussetzung für eine Demokratie. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass sie selbstintegrativ sein muss. Ansonsten kann sie eine Diskriminierung der Gläubigen und schlimmstenfalls eine Unterdrückung als Folge haben. Hierfür gibt es historische Beispiele. Vielleicht wird es keine umfassende und offensichtliche Unterdrückung geben, aber es ist möglich, dass die Politik nicht in der Lage sein wird, die Gruppen der Gesellschaft miteinzubeziehen, die als Gläubige bekannt sind… Demnach ist das wichtige Anliegen des Projekts zur Demokratisierung des Iran nicht nur die Frage, wie die Religion und der Staat klar und definitiv zu trennen sind, sondern ist auch die Frage wichtig, was gemacht werden muss, damit sich religiöse Menschen gegenüber der zukünftigen säkularen Regierung nicht Fremd fühlen“. Am Schluss fragt er: „Die besondere Frage über den positiven Inhalt ist, wie die iranische säkulare Staatsordnung für die Integration der Gläubigen sorgen will“. [9]

Diese Zitate erwähne ich, um die Aufmerksamkeit mehr auf folgenden Punkt zu lenken, der bisher weniger beachtet worden ist: Aktionen und Kampagnen wie „Kampagne gegen den Hidschab“ und ähnliche Projekte, die als „säkulare“ Projekte genannt werden und von Feministinnen mit einer „streng säkularen Identität“ durchgeführt werden, haben eher als Folge die Divergenz und Uneinigkeit der verschiedenen Kräfte innerhalb des Projekts „Säkularismus“. Dies bedeutet, dass Bewegungen der säkularen DenkerInnen, die eine Umwandlung der zivilen Frauenbewegung in eine ideologische Bewegung vorhaben, ungewollt den Weg zu „Integration“ und Zusammenschluss – ihren eigenen Zielen - sperren und sie verhindern

Die Burka, ein Thema über den Hidschab hinaus?

Um die autoritäre Vorgehensweise der französischen Regierung zum Burka-Verbot zu verteidigen, argumentieren andere iranische Feministinnen, die „Burka“ sei viel anders als „das Kopftuch und der Hidschab„. Sie sind der Meinung, dass diese Art von Bekleidung der Teilhabe der Frauen in der Gesellschaft schade und daher außerhalb der Diskussion der freien Wahl der Bekleidung und des Hidschabs liege. Dieses Argument ist richtig, schließt jedoch nicht die ganze Wahrheit ein. Denn es gibt heute noch im Süden von Iran in einigen Häfen (wie Konarak, Minab, Qeshm, Jask, Bandarabbas, Gang, Lenge, und …) arbeitende Frauen, die zwar die „Burka“ tragen, aber ihr Leben zeigt, dass sie sich sogar sehr gut am gesellschaftlichen Leben beteiligen. Es handelt sich nicht um „Hausfrauen“, sondern um Frauen, die auf dem Arbeitsmarkt aktiv sind (wie zum Beispiel die Ziegenverkäuferinnen und … [10] oder welche, die auf dem Fischmarkt einen Stand haben und erfolgreich ihr Geld verdienen).

Diese Frauen leiden – wie so viele andere Frauen - unter Diskriminierung und Ungleichheit. Aber die Aussage „die Burka hindere Frauen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“ ist zumindest im Falle dieser Frauen nicht ganz zutreffend. Ich will damit nicht sagen, dass diese Art von Bekleidung prinzipiell gut oder in ihrem Wesen schlecht ist, sondern ich will sagen, dass man mit derartigen Urteilen (also mit dem Argument, dass die Burka anders ist als andere Körperbedeckungen und der Hidschab) nicht die Einmischung der Regierung bei der Abschaffung der Burka gutheißen kann. Die Burka der Frauen im Süden Irans ist ohne Zweifel ein Zeichen für die Diskriminierung, muss jedoch nicht zwingend ein Zeichen sein, dass sie an dem gesellschaftlichen Leben nicht teilhaben. Auch wenn in Frankreich die Burka tragende Frauen aus verschiedenen Gründen – unter anderem weil sie die Burka tragen – von der Teilhabe an der Gastgebergesellschaft ausgeschlossen werden. Die Bekleidung ist jedoch nicht der einzige Grund dafür. Es gibt viele andere Gründe, warum Immigrantinnen (aber auch Männer dieser Minderheiten) von dem Gesellschaftsleben und Teilhabe an der Gastgebergesellschaft ausgeschlossen werden.

Gesetzt den Fall, wir iranische Feministinnen wollten das französische „Burka-Verbot-Gesetz“ in unser Land bringen. Dann könnten wir nicht mehr Frauen wie Zinat Daryaei (eine der Burka tragende Frauen in Qeshm, die ihre Burka abnahm und zum Symbol des Protests der Frauen im Süden wurde) unterstützen. Dann müssten wir ihr und anderen Frauen, die eine Burka tragen und dem Ziegen- oder Fischmarkt Tag für Tag und mit viel Arbeit ihren Stand betreiben, sagen: „Sie dürfen nicht an dem Leben Ihrer Gesellschaft teilnehmen, weil Sie eine Burka tragen. Sollten Sie weiterhin eine Burka tragen, dann werden Sie bestraft!“ Genau in diesem Fall würden wir Frauen daran hindern, an der Gesellschaft teilzunehmen.

In diesem Zusammenhang ist ein weiterer Punkt zu beachten. Wenn wir argumentieren, dass die Burka anders ist als der Hidschab und sagen, die Burka hindere Frauen an ihrer Teilhabe an der Gesellschaft, und wenn wir dieses Argument nutzen, um die Einmischung der Regierung mit dem „Burka-Verbot-Gesetz“ zu rechtfertigen, dann wäre dieses Argument mit Sicherheit auch für das „Hidschab-Verbot“ der 30er Jahre in unserem Land gültig. Seinerzeit wurde über das Thema „Hidschab“ genau so argumentiert, wie heute über die negativen Folgen der Burka in Frankreich diskutiert wird. In der Zeit von König Reza, als der Hidschab verboten wurde, waren die Körperbedeckungen der Frauen - Tschador, Niqab und Schleier - weit mehr als der heutige Hidschab eine sehr umständliche Bekleidung. Sie bedeckten nicht nur die Haare, das Gesicht, und den Körper der Frauen, sondern hinderte Frauen dramatisch daran, an dem gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Somit blieb die Hälfte der Menschen der Gesellschaft von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten und Beziehungen fern. Feministinnen, die für das Burka-Verbot-Gesetz sind, weil die Burka mehr ist als der Hidschab, müssen folglich das „Hidschab-Verbot“ in der Zeit von König Reza ebenfalls unterstützen (was sie nicht machen) und die Gesetzgebung und Vorgehensweise des König Reza gutheißen (was sie nicht tun). Denn das Hidschab-Verbot hat zwar Frauen geholfen, in die öffentliche Sphäre zu gelangen, aber wir Feministinnen – einschließlich die, die heute für das Gesetz in Frankreich sind – waren uns einig, dass die „autoritäre Vorgehensweise des König Reza“, sich in die Privatsphäre (Hidschab) einzumischen, kann nicht unterstützt werden. Dieser Zwang hat das Thema „Bekleidung und Hidschab“ zu einem sehr komplizierten und politischen Thema gemacht, das feindselige und rachsüchtige Reaktionen in den Reihen der Patriarchalen hervorrief, die in der jüngste Geschichte das Landes zu einem „Hidschab-Zwang“ führte.

Im Gegensatz zu der Türkei, wo das „Hidschab-Verbot“ nicht gesetzlich verankert wurde, kam das „Hidschab-Verbot“ im Iran leider in den Bereich der Gesetzgebung und der Macht. Und die Regierung mischte sich ein, ohne dass es in verschiedenen Schichten der Gesellschaft weit verbreitete Diskussionen stattgefunden hat. Entsprechend waren die negativen Folgen und Reaktionen sehr groß.

Source in Persian:

https://www.facebook.com/note.php?note_id=10150208489477356

Take Action

Sign the petition of one million signatures to end discriminatory laws against women.

- Sign petition (for support of Campaign for One Million Signatures)

- sign the petition (for release of women’s rights activists)

Notizen

[1] Anmerkung der Übersetzerin: Tschador ist ein großes, meist dunkles Tuch in Form eines umsäumten Halbkreises, das von muslimischen Frauen als Umhang um Kopf und Körper gewunden wird.

[2] Anmerkung der Übersetzerin: Ministerin für Bildung und Erziehung 1968-1979, die nach der Revolution vom Revolutionsgericht zum Tode verurteilt wurde.

[3] Pirnia, Mansureh (2007), Madam Minister: A Collection of Memoirs and Notes Written by Farrokhroo Parsa)

[4] Anmerkung der Übersetzerin: Islamisch begründete Körperbedeckung für Frauen, die nicht nur den Kopf, sondern auch den Körper bedeckt.

[5] Hidschab-Verbot gleich wie Hidschab-Zwang http://www.rahesabz.net/story/15059/87900—

[6] http://www.dw-world.de/dw/article/0,,5807403,00.html

[7] http://news.gooya.com/politics/archives/2011/05/121420.php

[8] Erklärung zur Kampagne gegen „Hidschab“: http://www.iran-women-solidarity.net/spip.php?article834

[9] „ Säkularisierung, Beseitigung der Diskriminierung und Integration“ : http://news.gooya.com/politics/archives/2011/05/121313.php

[10] http://www.feministschool.com/spip.php?article2467


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