Startseite > Deutsch > Polygamie zum Schutz der Familienfundament?

Polygamie zum Schutz der Familienfundament?

Sonntag 31. August 2008, von admin

Feministische Schule: Iran ist ein Land mit einem Frauenanteil von über 60% unter den Studierenden die durch eine selektiven Aufnahmeprüfung an Hochschulen zugelassen werden.
Ähnlich rechnet sich der Frauenanteil der iranischen Universitätsabsolventinnen.
Das soll sich nun ändern. Und zwar durch die Einführung einer (die Frauenzahl) einschränkenden Quotenregelung .
Die Zulassung der Mädchen zu Universitätsaufnahmeprüfungen soll gedrosselt werden.

Doch soll hier eigentlich abgehandelt werden. Es geht um eine andere, unglaublichere, Neuigkeit in Iran die diese Tage den intellektuellen und verantwortungsvollen Anteil der aufstrebenden iranischen Zivilgesellschaft, drunter ganz besonders die betroffenen Frauen, auf das Höchste bewegt.
Die Parlamentskommission für Gesetzes-Angelegenheiten hat soeben die Grundzüge der Vorlage des „Familienschutzgesetzes“ beschlossen. Diese Maßnahme soll das Familienfundament vor „ Zerfall“ schützen. Meldungen in der iranischen Presse erinnern daran, dass bereits die vorherige Legislatur (7. Majlis), den Antrag zur Verabschiedung dieses skandalöse Gesetzes vorgelegt bekommen hatte. Damals war es dem Geschick einiger Parlamentarier gelungen, zu verhindern, dass dieser Punkt überhaupt an die Tagesordnung gesetzt wird. Die irritierten konservativen Kräfte aber, die den kargen Freiraum der iranischen Zivilgesellschaft noch mehr in d
Griff und unter absoluter Kontrolle bringen wollten - ganz besonders was den modellhaften und würdigen Aktivismus der neuen iranischen Frauenbewegung anbelangt- gaben keineswegs auf- sondern handelten nach dem Motto: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Warum, und worum geht es hier?

Paragraph 23 des nunmehr von der Kommission beschlossenen Familienschutzgesetzes besagt, dass ein verheirateter Staatsbürger ( gemeint ist ein Mann ) gleichzeitig mit weiteren drei Frauen Ehen eingehen kann , wenn er nur über die finanziellen Mittel verfügt, sie alle gleichmäßig zu versorgen. Das wäre endlich, argumentieren sie, eine Akkordierung der Landesgesetze mit islamischen Vorschriften. Natürlich hat diese nun zum Gesetz erhobene Auslegung nur ein Ziel: durch die zweckdienliche Deutung der Schrift das Leben der iranischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger noch mehr- und bis ins letzte Detail der privaten Sphäre - kontrollieren zu können und die Frauen in ihre altertümlich Rolle zu weisen.

Nur wer die Frauen im Griff hat, ist wirklich Herr der Lage!

Das bisher gültige Gesetz sah vor, dass ein verheirateter Mann, falls er eine Zweite Frau verehelichen wollte, pro forma das Einverständnis seiner ersten Gattin einzuholen hatte. Nummer drei und vier an Ehefrauen, waren eine Seltenheit, bzw. kaum bekannt. Nun ist die Einholung der offizielle Konsens der Ehefrau ( somit auch ihre Rolle in einer bestehenden Ehe) per Dekret abgeschafft. Wer die Mittel hat ( nicht unbedingt das Jungvolk dessen Mittel bei der derzeitigen hohen Arbeitslosigkeit und der hohen Inflation, nicht an die Gründung einer Familie denken lässt ), kann und darf offiziell Polygamie betreiben .
Die Debatte um die Wiederaufnahme dieses Gesetzes und deren Beschließung hatte vor einigen Wochen begonnen. – Allerdings war sie damals vor dem Hintergrund der sensationsreichen internationalen Lage im Mittleren Osten und den Entwicklungen in Iran , meist im Zusammenhang mit der Nuklear- Frage und einem möglichen Angriff auf Iran, in der Öffentlichkeit untergegangen und zunächst unbemerkt geblieben .( außer von den Aktivistinnen der Gleichstellungsfrage).
Ein Mitglied der zuständigen parlamentarischen Kommission, bestätigte stolz diese Meldung gegenüber der iranischen Presse und erklärte, dass die Gesetzesvorlage in voller Übereinstimmung mit islamischen Bestimmungen sei und dass niemand es wagen könne dagegen etwas einzuwenden.

Das neue Familiengesetz war, von Anbeginn der Debatte darüber, von vielen Seiten heftig angefochten. Gleichstellung –und Menschenrechte- Aktivistinnen und Aktivisten, aber auch verschiedene politische Kreisen in Iran, hatten daran heftig Kritik ausgeübt. Das Vorhaben der Legislative war somit auf starken Widerstand gestoßen. Unter den Kritiker befanden sich selbst Frauenorganisationen und Individuen die eine orthodoxe islamische Position vertreten. Einwände und Vorschläge der Aktivistinnen und Aktivisten der Gleichberechtigung und Menschenrechte (genannt die Kampagne) waren kaum zu überhören . Diese Argumente wurden, in vielen Punkten, sogar durch daraufbezogene Fatwa s des liberaleren Ayatollah Sane’i, unterstrichen. Die reformistische „ Partizipations - Front „ hatte sich auch in diese Debatte eingebracht. Organisiert durch die „Kampagne „ fanden einige Podiumsgespräche statt, die gemeinsame Standpunkte zur Veränderungswürdigen Paragraphen ausarbeiteteten. In der „Kampagne“ sind viele Rechtsanwälte -und Anwältinnen, allesamt sachkundige Persönlichkeiten, aktiv tätig. Sie stellten einen Katalog der anfechtbarsten Punkte der Gesetzesvorlage zusammen, und reichten ihn bei der Parlamentskommission, mit entsprechenden Veränderungsvorschlägen ein.
Den Proponentinnen wurde zugesagt, ihre Vorschläge zu überprüfen und sie gegebenenfalls zu Gesprächen und Konsultationen in die Kommission einzuladen. Man versicherte ihnen sogar, dass die am meisten anfechtbaren zwei Punkte ** der Vorlage die Hürde des Beschlusses unmöglich passieren würden.
Das alles hat sich nicht bewahrheitet.
Die Kommission beschloss die vollständige Gesetzesvorlage. In allernächster Zeit wird das Gesetzt rechtskräftig von Parlament verabschiedet werden.

Die erwähnten zwei Punkte ** behandeln Aspekte, die iranische Frauen in eine äußerst prekäre Lage bringen werden. Zum Ersten geht es um die besagte legalisierte Polygamie –wie oben geschildert. Dann aber auch um die Versteuerung der gesetzlich(wie auch
islamisch) vorgeschriebenen Mehriyeh (oder Mehr); eine Art Abfertigung die vom Ehemann bei der Eheschließung garantiert wird, und die bei etwaiger Scheidung von ihm pflichtmäßig zu entrichten ist.

Die derzeitige Lage ist eine Eskalation des ungleichen Kampfes der Geschlechter in Iran, der sich seit langer Zeit manifestiert und ganz besonders in der sich in den letzten 2 Jahren zugespitzt hat.In diesem ungleichen Kampf befinden sich auf der einen Seite benachteiligte und bedrängte iranische Frauen. Sie fordern nicht mehr aber auch nicht weniger als ihre Gleichstellung mit ihren männlichen Mit-Staatsbürger, vor Landesgesetzen. Zugleich stellt diese Gruppe einen wesentlichen Anteil der dynamischen iranischen Zivilgesellschaft dar, der nicht einmal mehr von den Machthabern übersehen werden kann. Diese Frauen sind überdurchschnittlich gebildet und enorm an Mitbestimmung und eine aktive Rolle in einer Gesellschaft interessiert, in der sie bereit sind Verantwortung zu übernehmen. Sie sind nicht willens von ihren Positionen zurückzuweichen. Ach um keinen Preis den kleinen Raum , den sie sich im Laufe der letzten Jahre und in harter Arbeit erobert haben, aufzugeben . Denn, Einschränkungen, Misshandlungen und vielfach Gefängnisstrafen waren Teil des Preises, den sie dafür zu zahlen bereit waren und sind.
Bisher fehlte ihnen allerdings die Teilnahme an der politischen Macht : Macht und Gewalt um über ihr Schicksal als Staatsbürgerinnen mitzuentscheiden (hier ist nicht von Mitläuferinnen und den Unwissenden die Rede). Gewalt, auch patriarchalische Gesetzesgewalt, ist aber etwas dem sie erbarmungslos und in vielen Bereichen ausgesetzt sind.
Die neuen legislativen Entwicklungen von denen hier die Rede ist, und der geleistete Widerstand sind in diesem Zusammenhang zu begreifen. Die offiziellen Maßnahmen sind dazu bestimmt, in Iran die mühereichen kleinen Schritte vorwärts und die Bestrebungen eine entsprechende zivilgesellschaftlichen Entwicklung durchzumachen, um jeden Preis zu blockieren und sie im Keim zu ersticken.

Auf der anderen Seite dieser Ungleichen Szene finden sich die Männer eines schweren Patriarchats - lastigen Gesellschaft. Sie halten mit allen Mitteln an jener Macht fest, die ihnen zur Verfügung steht und die sie nicht verlieren wollen. Es ist die Frage, wie lange noch können diese Frauen, die nicht mehr bereit sind – in wessen Namen auch immer- sich dem blinden Gehorsam zu ergeben, zum Gehorsam gezwungen und zum Schweigen gebracht werden.

In Iran flößt die Präsenz der verwandelten Frau den Machthabern Angst ein, weil sie am Thron des Patriarchats nagen und ihn wackeln lassen. Es ist ganz klar, dass die Reaktionen der Machthaber so heftig ausfallen. Mit allen Mitteln werden Machtstrukturen ( speziell Frauengegenüber) ausgebaut und zunehmend verbrieft. Es geht um viel. So ist es fast verständlich, dass die sensibelsten Machthebel der Traditionen aus dem Fundus geholt und hoch gehalten werden: Eherecht, Familienrecht.
In Tehran spricht man diese Tage allerdings von Ehe-Unrecht, und auch von Familien-Unrecht!

In einem Interview, hat die iranische Anwältin, und Frieden-Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, diese Tage zu dieser Frage sehr klar Stellung bezogen. Hier einiges dieser wichtigen Statements.


Online ansehen : Committee for the Defence of Human Rights in Iran-Austria

Eine Nachricht, ein Kommentar?

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.